Unter Uns: Digital ist scheißegal?

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Seit 10 Jahren pflegen wir im Netzwerk Gesunde Karriere ein besonderes Intervisionsformat:„Unter uns“. Zweimal jährlich treffen wir uns mit unserem erweiterten Netzwerk aus Düsseldorf, Köln Hamburg, Berlin und Hannover. Wir stellen Erlerntes, Erfundenes und Erlebtes vor und treten in Dialog zu Themen, die uns aktuell in unserer Arbeit beschäftigen. Eine*r von uns bereitet inhaltliche Impulse vor und begleitet uns durch den Tag. In unserem diesjährigen Novembertermin ging es um Digitalisierung. Vanessa hat das Thema für uns umfänglich erforscht und aufbereitet. Um es vorweg zu nehmen: er ist ein immer Geschenk, dieser Tag, so auch diesmal.

Bereits in der Einstiegsrunde zeigte sich, dass Digitalisierung ein brandheißes Buzzword ist: in den Organisationen, für die wir tätig sind, gesellschaftlich, politisch. Und auch jede*r von uns (Berater*innen und Vertreter*innen von Unternehmen und Organisationen) hat natürlich einen eigenen Fokus auf das Thema.

Wir erkunden publizierte Erklärungsversuche, um die Veränderungen besser zu verstehen. Denn wir wollen die Zukunft der Gesellschaft und der Arbeitswelt mitgestalten. Quer durch alle Branchen, in denen wir uns bewegen, finden Veränderungsprozesse statt, die im Kontext digitaler Transformation stehen. Der rapide voranschreitende technologische Wandel löst bei den Betroffenen sowohl Begeisterung als auch enorme Ungewissheiten aus.

Der Einstieg in den Tag ist inhaltlich von Überlegungen des Soziologen Dirk Baecker geprägt. Er ordnet die Digitalisierung in die zivilisatorische Entwicklung ein: Auf Oralisierung (ermöglicht Kommunikation und Vergangenheit), Alphabetisierung (Verschriftlichung ermöglicht dass Hierarchien und Religionen entstehen), Literarisierung (Buchdruck ermöglicht Wissenschaft, ermöglicht Aufklärung und Demokratisierung) folgt nun die Digitalisierung (VUKA, Netzwerkgesellschaften und dann?).

Entscheidend ist für Baecker dabei – und auch wir sind uns dazu einig, dass die Gesellschaft Digitalisierung nicht passiv über sich ergehen lassen darf. Aufgabe der Zivilgesellschaft ist es, sich mit den Chancen und Risiken der digitalen Zukunft auseinanderzusetzen. Und wir alle sollten unsere Möglichkeiten zur Mitgestaltung ergreifen, um nicht alleine denen, die die Möglichkeiten der Digitalisierung fachlich interessiert, das Feld der Werte und Ethik im Geschehen zu überlassen. Mindestens indem wir eine bewusstere Rolle als Prosumenten annehmen. Es geht um nichts weniger, als wie wir zukünftig leben wollen.

In gewisser Hinsicht ist „digital scheißegal“, wie Astrid es so wunderbar auf den Punkt bringt: Digitalisierung muss rechtssicher und nach demokratisch rechtlich Grundsätze abgesichert sein. Wir können Verantwortung in den Prozessen übernehmen, indem wir die ethischen und rechtlichen Fragen vehement stellen.

Ein großartiges Bild entsteht im Raum: wir stehen in der digitalen Entwicklung an der Stelle, an der im 19. Jahrhundert die Arbeiter ohne Schutzkleidung und Brille am Stahlofen standen. Wir haben noch keinen Arbeitsschutz und keine Arbeitsethik für das, was sich anfängt zu zeigen.

Wir brauchen genau solche Bilder für unsere Arbeit in Organisationen. Denn im Zweifel schauen im Workshop alle auf uns, wie Doris so treffend anmerkt: „Alle sind verunsichert und schauen auf mich, ich soll jetzt sagen wie es geht.

Für uns zeichnet sich deutlich ab: allein mit den alten Mitteln können wir als Gesellschaft das Neue nicht gestalten. Mit dieser Idee beschäftigen wir uns im Netzwerk Gesunde Karriere schon länger. Generativität ist für uns ein Schlüssel ins „Wunderland“ (Faschingbauer), oder den Raum des Nichtwissens, wie wir es im Coaching nennen. Neues entsteht, durch Ganzheitlichkeit, Vernetzung, das Zulassen von Verunsicherung, die Erlaubnis zu Scheitern.

Das Potential der digitalen Technologie und die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts dürfen nicht unterschätzt werden, da sind wir uns hier einig. Wir stellen fest, mit der De-Materialisierung von z. B. Büchern und Musik erleben wir es im privaten Bereich ja schon seit einigen Jahren. Sandra weist auf die Diskrepanz zwischen privatem Handeln und Denken im Unternehmen hin: „Privat wird mit amazon geshoppt, im Unternehmen geht auch das Marketing oft noch selbstverständlich davon aus, das alle ins Fachgeschäft kommen, um die Produkte zu kaufen.

Beruhigend ist dann die Erkenntnis: Bei allem Tempo, das wir erleben, digitale Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen. Disruptiv ist eher der Moment, in dem klar wird, dass es anders ist. Die Einführung von KI geht über für die nicht-early adopter über smarte Geräte, Update von Apps etc. im Alltag eher nebenbei…. Otto Scharmer spricht in diesem Zusammenhang von Wachsamkeit, die wir heute mehr brauchen denn je. Dass sich viele von uns schwertun, die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz zu be-greifen, hängt auch damit zusammen, das exponentielles Wachstum für uns Menschen so schwer vorstellbar ist. Es scheint aber überlebenswichtig für Organisationen.

Wie aber Träume anzetteln, Sience Fiktion erfinden, wenn doch die digitale Zukunft grade immer schon da ist, wo wir hinkommen? Wir können als Prozessbegleiter*innen und Führungskräfte das Bewusstsein auf den Prozess fokussieren, Haltungsoptionen zu den Veränderungen in den Mittelpunkt stellen, Perspektiven erweitern und die Gewissheit der menschlichen Anpassungsfähigkeit in Veränderungsprozessen beschwören.

Etwas Kulturpessimismus ist dann auch im Raum.

Wir setzten uns auch mit Thesen aus dem Buch von Kevin Kelly auseinander, ein Insider des Sillicon Valley und positionierten uns zu „12 Worten, die die Welt von morgen gestalten“. Wenn „we are constant newbies“ – „wir sind beständig Neulinge“, das alte Wissen, die Halbwertszeit von Wissen sich verringert: was bedeutet das für unsere Selbstdefinition unsere Identität?

Bahnt sich ein grundlegender Paradigmenwechsel im menschlichen Bewusstsein an, wenn wir mit den „Augen“ der künstlichen Intelligenz betrachtet werden und mit ihr interagieren?

Vanessa holt dann mit Effectuation (Michael Faschingbauer) wissenschaftlich untersuchte Kriterien zu erfolgreichem Unternehmertum in den Raum. (dazu gibt’s dann mal einen extra Beitrag) und wir stellen fest: es braucht neben zielgerichteter Planbarkeit, auch Mut und (mehr) Risikobereitschaft, um Zukunft zu gestalten.

Und da ist es wieder, das „sowohl als auch“. – Das beruhigt, denn das kennen wir schon aus der Einführung agiler Arbeitsweisen, diese Gleichzeitigkeit von Fluidem und Stabilen.

Danke für diesen inspirierenden Tag an Vanessa, Ulf, Sandra, Hartmut, Roger, Astrid, Doris, Sebastian und Christina.

Literatur: Dirk Baecker: 4.0 oder die Lücke, die der Rechner lässt, Merve 2018 und Kevin Kelly: The Inevitable, Penguin 2017

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Danke, Antje, für Deinen Bericht über unser letztes Unter-Uns-Treffen. Und die Digitalisierung ist dann auch wieder „nur“ ein Aspekt des vielgestaltigen Wandels, der die vernetzte Welt bewegt und auf den Kopf stellt. Weil Du auch Scharmer erwähnst: In der letzten Scobel-Sendung wird seine Theorie U als diiee Theorie für die not-wendige globale Transformation, in der alles mit allem zusammenhängt, diskutiert, auch mit ihm selbst.

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